Ein Neuanfang

In den letzten Tagen habe ich öfter an die Sopranos und Steven van Zandt gedacht. Eine dieser Szenen in der er als Silvio Dante gebeten wird Al Pacino zu imitieren. Silvio lässt sich nicht lange bitten und gestikuliert und zitiert dramatisch:

Just when I thought I was out, they pulled me back in.

oder auf deutsch (so wie ich es auch gesehen habe): Grade als ich dachte, ich bin raus, ziehen sie mich wieder rein.

Vielleicht habe ich irgendwo und irgendwann einmal geschrieben, dass Pen&Paper für mich gestorben sei. Das stimmte zu dem Zeitpunkt auch. Es war aber nie deswegen so, weil ich das Hobby blöd fand, vielmehr ist das Lesen von Regelwerken ohne eine regelmäßige Runde (oder überhaupt einer Runde) kein Pen&Paper für mich. Bevor ich also immer wieder auf einen Abend wartete, der nie kommen würde, habe ich komplett aufgegeben. Ich versuche, konsequent zu sein.

Da war so ein Kratzen. Rollenspiel ist eine geile Sache. Gut, nicht für jeden, aber für diejenigen, die es geil finden, ist es geil. Ich kann es nicht anders ausdrücken. Und manchmal vermisst man etwas, ohne genau benennen zu können, was es ist. Ich weiß nicht wieso, aber in der letzten Woche habe ich wieder einige Runden auf Youtube gesehen und mir gedacht, man kann Pen&Paper doch auch online spielen Ja, ich weiß. Nach 10 Jahren Roll20

Lieber spät als nie. Diese Euphorie, als entdeckte man zum ersten Mal das Internet und dessen Möglichkeiten. Eine ganz neue Welt. Aus mir spricht im Moment nur die Begeisterung. Warum ich mich damit nicht früher auseinandergesetzt habe, weiß ich nicht. Wie dem auch sei, ich habe mich bei Roll20 angemeldet und sogar schon meine erste Runde Cthulhu hinter mir. Natürlich etwas holprig, ganz neu auf der Seite, erste Runde seit Jahren, man kennt sich nicht und kommt in eine laufende Kampagne. Egal, das wird besser und ich will mich auch mehr in die Technik beziehungsweise deren Möglichkeiten reinfuchsen, um vielleicht selber Spiele zu leiten, was mir eigentlich auch mehr Spaß macht 🙂

Reset. In den vergangenen Jahren ist das eine oder andere passiert. Pathfinder ist in der 2. Edition erschienen Gut, das ist für mich im Moment das entscheidende gewesen, mit einem neuen System anzufangen. Pathfinder war lange Zeit neben Cthulhu mein System, ich mochte es, aber ich empfand es mit der Zeit zu groß, zu mächtig, zu ausgefranst. Sich da wieder einzulesen und mehrere Regalmeter vor sich zu haben (virtuell), hat mich fast erschlagen (mental). Welches System also zum Neuanfang nehmen? Nach allen Überlegungen bin ich bei D&D gelandet. Der Gedanke, wieder in den Vergessenen Reichen unterwegs zu sein, war mehr als ansprechend. Und D&D soll ja auch ganz gut sein.

Also habe ich fix das Basisset gekauft. Dabei habe ich mit mir gehadert. Basisset vs. Einsteigerset Letztendlich ist es neuere Box geworden. Sofern man den D&D Newsletter abonniert, erhält man ohnehin eine digitale Version des Basissets und spart aktuell 30 €, die man für das Grundregelwerk ausgeben kann.

Im Moment lese ich mich also grade in die Abenteuer und Regeln ein und werde in den nächsten Tagen Roll20 genauer ansehen, um demnächst vielleicht ein Einsteigerabenteuer zu leiten. Nice.

Lovecraft Letters – Christian Gailus

Ray Berkeley ist ein Psychologe und Berater einer Anwaltskanzlei als ihn ein Fall aus der Bahn zu werfen scheint. Für ein Gutachten setzt er sich dem gleichen Stress aus, wie dem eines Mandanten und legt nach und nach ganz neue Wesenszüge an den Tag. Aus seinem beschaulichen Alltag wird eine Welt aus Monstern, die um die Vorherrschaft kämpfen.

Bei dem Titel hatte man mich bereits. Dieser versprach eine gewisse Art des Horrors, des wohligen Gruselns, welches ich so mag. Was mich anfangs etwas abschreckte war, dass es sich um acht Teile handelte und wenn ich eines hasse, dann erste Teile, einer Reihe, die ich nie beenden werde. Das Komplettangebot hatte ich anfangs nicht entdeckt und so kaufte ich lediglich die erste Folge. Ich fing öfter an zu hören. Es war tatsächlich aber nie wirklich so, dass ich gefesselt war. Etwas störte mich. Nachdem ich dann doch noch alle Folgen im Bundle für einen guten Preis entdecke, lud ich alles zusammen runter und fing erneut an.

Letztendlich will ich nicht allzu viele Worte über etwas verlieren, das mir nicht gefiel. Der Plot hat nur in Ansätzen etwas mit Lovecraft und seiner Geschichte The Hound zu tun. Auch wenn ständig versucht wird, eine Beziehung zur Person und Werk des Meisters herzustellen, wird weder stilistisch noch inhaltlich der Ton Lovecrafts getroffen. Das ist kein Punkt, der grundsätzlich negativ zu bewerten wäre. Dass der Protagonist aber ständig unsympathischer wird, ist schon bedauerlich. Die Wandlung von Ray ist ein wichtiger Teil der Handlung, die Kunst bestünde darin, dass der Leser, oder Hörer in diesem Falle, seine Handlungen nachvollziehen kann. Von einem unscheinbaren Weichei mit arroganter Attitüde entwickelt sich Ray zu einem fiesen unberechenbaren Arsch. Die Figuren sind allesamt langweilig, was man verschmerzen könnte, wenn es die richtige Mischung aus Stereotypen wäre.

Das Fazit ist, dass man die Story innerhalb kürzester Zeit vergisst. Nicht einmal extreme Lovecraft Fans kommen hier auf ihre Kosten. Das Hörbuch an sich ist sehr gut produziert und auch Uve Teschner als Sprecher ist sehr gut.

TitelLovecraft Letters - Die komplette Serie, Folge 1-8
AutorChristian Gailus
SprecherUve Teschner
Dauer27 Stunden und 28 Minuten (ungekürzt)
ISBN9783838794754
VerlagLübbe Audio
ErschienenKomplette Serie 04/2020
Einzelne Teile 10/2017-03/2018

Der Herr der Augenringe – Beard & Kenney

Eine Suche, ein Krieg, ein Ring – allein das sind Gründe, jede Hochzeit abzublasen. Und ein König ohne Königreich. Doch ein kleiner, haariger Held namens Frito ist bereit. Zumindest vorbereitet von Gutgolf, dem unglaubwürdigen Zauberer. Bereit zur einzig wahren Mission, die allein Niedermittelerde und die Boggies noch retten könnte. Denn die Horden von fiesen Narks und Trollen haben sich arg vermehrt, und Sauertopf ist nicht tot. Herr Dildo Windbeutel von Beutelsend meint, der Ring muss weg …
So die Beschreibung auf dem Buchdeckel.

Die ultimative Parodie von H. N. Beard und D. C. Kenny. So steht es unter dem Tittel.

Der Inhalt, wenn auch abstrakt, ist bekannt, sofern man Den Herrn der Ringe kennt. Und eigentlich kann man nicht wirklich von einem Inhalt sprechen; es sind zotige, aneinandergereihte Flachwitze, die bereits bei Erscheinen des Buches stumpf gewesen sein müssten. Humor ist ein ernstes Thema, darüber hinaus teilt nicht jeder den gleichen. Dass das Buch bei mir nicht zündet, muss also nichts heißen. Dass ich Parodien grundsätzlich nicht mag, kann ich nicht sagen, auch wenn ich die meisten von ihnen schlecht finde. Spaceballs ist eine Ausnahme, die meiner Meinung aber schlecht gealtert ist. Scary Movie fand ich beim Erscheinen albern, mittlerweile schmunzle ich darüber. Und Lord of the Weed – Sinnlos in Mittelerde finde ich sogar sehr witzig.

Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass die deutsche Übersetzung von Margaret Carroux erfolgte, also der Übersetzerin der ersten deutschen Herr der Ringe Ausgabe. Doug Kenney und Henry Beard, also die Autoren, gründeten zusammen mit Robert Hoffman das Magazin National Lampoon. Somit nicht ganz unbekannt und als ich auf Netflix Eine nutzlose und dumme Geste sah, dachte ich wieder an dieses Buch und hab es nach mehreren Anläufen endlich geschafft. Bei 192 Seiten zwei Wochen, ist allerdings kein gutes Zeichen.

Selbst als Fan der Tolkien Bücher und Sammler von allem wo Mittelerde draufsteht, ist es eher uninteressant. Beim Lesen kam mir öfter der Gedanke, dass es 12. Jährige mit einen Zuckerschock geschrieben haben könnten.

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Die neun Pforten

Ich starte hiermit den Auftakt zu einer losen Vorstellungsreihe von Filmen mit Johnny Depp. Ende der 90er, Anfang der 2000er fand ich so ziemlich jeden seiner Filme gut. Zum einen wegen seines unbestrittenen Talents, aber auch aufgrund deren Geschichten. Lange ist es her, dass ich die Filme gesehen habe und so dachte ich, schau ich sie mir noch einmal an und aus Spaß an der Freude ranke ich sie gleichzeitig.

Den Anfang macht der Film Die neun Pforten, ich habe den Roman Polanski Film bestimmt ein dutzendmal gesehen. Insbesondere als ich das cthuloide Rollenspiel für mich entdeckte, aber das ist eine andere Geschichte. Dabei ist der Plot der Geschichte ähnlich einer klassische Abenteuergeschichte aufgebaut. Der Protagonist Dean Corso (Johnny Depp) ist Antiquar und auf das Finden von seltenen Büchern spezialisiert. Er bekommt von dem Sammler und reichen Geschäftsmann Boris Balkan (Frank Langella) den Auftrag, eines seiner Neuerwerbungen auf Echtheit zu prüfen und mit zwei anderen Exemplaren zu vergleichen.

Es handelt sich dabei um Die neun Pforten ins Reich der Schatten, eine Anleitung für einen Pakt mit dem Teufel; verfasst von Aristide Torchia im Jahre 1666. Insgesamt haben nur drei Exemplare die Inquisition überstanden, aber keines scheint den Teufel hervorlocken zu können.

Die Geschichte schreitet voran und alles verdichtet sich. Corso  Jeder Moment des Films strahlt dabei diese wohlige, mysteriöse Atmosphäre aus. Das Geräusch, wenn durch das Buch geblättert wird, diese Sinnlichkeit, wenn die bloße Hand über den Ledereinband und die Seiten fährt, das ist ein Porno für Bibliophile. Aber keiner mit Gänseblümchen: Es wird geraucht und getrunken in der Nähe der Schätze, sie werden in Taschen gestopft, ihnen werden Seiten entrissen, ihr Rücken überstreckt oder ganz den Flammen übergeben.  Dabei geht es niemanden um die Bücher, weder Corso noch Balkan oder den anderen, die im Laufe des Films das Buch haben wollen. Es geht um das Wissen und die Geheimnisse, die zwischen den Deckeln stecken.

Johnny Depp, Lena Olin und Frank Langella sind dabei eine großartige Besetzung. Dem gegenüber ist Emmanuelle Seigner als das Mädchen etwas schwach, was auch an der Rolle liegen kann. Der Film beruht auf dem Buch von Arturo Pérez-Reverte mit dem Namen Der Club Dumas. An der Namensungleichheit mag man schon erkennen, dass es inhaltliche Abweichungen gibt. Der namensgebene Club kommt ebenso wenig wie Dumas Werk selbst im Film vor. Ich habe das Buch schon einige Male angefangen, aber bisher nicht beendet. Eine gute Gelegenheit dies nachzuholen. Den Schwerpunkt legt Polanski daher auf Die neun Pforten und schafft so einen herrlich unterhaltsamen Mysteryfilm für einen gemütlichen Abend.

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Zeitverzögerung

Ich habe im April gar nicht so viel gelesen. Oder gehört. Trotzdem sind drei Buchvorstellungen erschienen. Das liegt an einer gewissen Zeitverzögerung. Eigentlich versuche ich direkt nach der Lektüre einen kleinen Post zu schreiben. Dann ist das Gelesene noch frisch. Diesmal passte es nicht ganz und ich habe sozusagen meine Leseerfahrung über den Monat gestreckt. Was auch ganz gut ist, im Moment hänge ich bei Der Name der Rose fest und mit meinem aktuellen Lesetempo, das Buch liegt gedruckt bei mir, sowie der Seitenzahl des mittelalterlichen Buchkrimis, würde hier auf dem Blog möglicherweise einen ganzen Monat Saure-Gurken-Zeit herrschen.
Wäre das schlimm? Nicht wirklich schlimm, aber ich finde es schöner, wenn wöchentlich etwas im Blog erscheint und im April ist es tatsächlich das erste Mal so extrem gewesen. Meistens schreibe ich ein oder zwei Tage vorher, sprich Montag oder Dienstag, damit es regelmäßig mittwochs erscheint.

Dabei fällt mir auf, wie eingefahren meine Lesegewohnheiten sind…
Der April ist auch in einer anderen Hinsicht eine Ausnahme. Ich habe keine Phantastik gelesen, nicht einmal Fiktion. Drei Bücher von interessanten Frauen mit interessanten Geschichten. Wibke Bruhns Familiengeschichte hat mir im Nachhinein am besten gefallen. Nicht nur inhaltlich, auch vom Stil. Dass es drei weibliche Autoren waren, war übrigens reiner Zufall. Es waren Bücher die ich schon länger lesen oder eben hören wollte und es passte ziemlich gut in meine Lustlosigkeit auf Horror und Co. Ehrlich gesagt, tat es richtig gut mal etwas anderes zu lesen. Beziehungsweise etwas Nicht-fiktionales; Romane aus anderen Genres lese ich ja schon ab und an. Tatsächlich habe ich momentan mit Der Herr der Augenringe eine leichte Lektüre neben mir liegen, die mich mit Tolkien anfixt.

Mitte/Ende März hatte ich mit Der Gesang der Flusskrebse ein Hörbuch vor mir, welches die fiktionale Geschichte eines Mädchens/einer Frau erzählt. Erst verlässt die Mutter, dann die Geschwister und schlussendlich der Vater das Mädchen. Alleine wächst sie in einem Sumpfgebiet auf. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte und dann ein Krimi. Ich fand das Ganze langweilig. Deswegen habe ich darüber auch nichts geschrieben, ich will vergeudete Zeit keine besser nutzbare hinterherwerfen. Wenn mich wirklich etwas ärgert, dann ist es etwas anderes. Es ist meine Warnung an mein zukünftiges Ich, ein entsprechendes Buch nie wieder anzufassen.

Nicht ohne meine Tochter – Betty Mahmoody

Betty Mahmoody - Nicht ohne meine Tochter

Betty Mahmoody - Nicht ohne meine TochterNichtsahnend fliegt Betty Mahmoody zusammen mit ihrer kleinen Tochter und ihrem persischen Ehemann für einen zweiwöchigen Aufenthalt in den Iran. Bereits nach wenigen Tagen muss sie feststellen, dass ihr Mann sich immer mehr verändert.

Betty Mahmoodys Buch Nicht ohne meine Tochter setzt 1984 ein. Zu der Zeit sind Betty und Sayed bereits ungefähr sieben Jahre verheiratet und haben eine vierjährige Tochter. Sayed verließ Persien 1957 für ein Studium in Großbritannien und emigrierte 1961 dauerhaft in die USA. In der Schilderung von Betty war er ein durch und durch westlich angepasster Arzt.

1984 will Sayed seine Familie in der nunmehr Islamischen Republik Iran besuchen. Betty hat  Bedenken, was sich darin äußert, dass sie ihren Eltern das Urlaubsziel verheimlicht, trotzdem willigt sie letztendlich ein.
Alles beginnt bereits kurz nach der Landung: Sayed nimmt die Pässe seiner Frau und der kleinen Mahtob aus vorgeschobenen Gründen an sich. Aus geplanten zwei Wochen werden 18 Monate, die mit einer Flucht über die Türkei enden.

Es entwickelt sich alles relativ schnell. Aus einem scheinbaren westlichen Ehemann und Vater wird ein kalter, fauler Tyrann. Seine Gewaltexzesse und die Kontrollsucht werden dabei von seiner Familie und der Gesellschaft akzeptiert oder gar befeuert. So späht Sayeds ältere Schwester, in dessen Haus sie wohnen, ungeniert Betty aus, sie ermuntert ihn sogar strenger zu ihr zu sein. Eine angebliche Freundin, der Betty von den Fluchtplänen erzählt, verrät alles ihrem Mann, der droht wiederum Sayed alles zu erzählen. Es ist eine Welt, in der selbst die eigene Tochter langsam aufzugehen scheint und sich Betty nicht sicher fühlen darf. Und trotzdem findet sich in all dem Schmutz, auch buchstäblich, ein wenig Hoffnung. Gerade ein geistlicher Verwandter Sayeds wird zum Fürsprecher seiner Frau. Lehrerinnen der Tochter sehen weg und ein Händler, der selbst in den Westen flüchten möchte, hilft der Mutter mit ihrem Kind. Eine bewegende Geschichte.

Ist das Buch lesens- beziehungsweise hörenswert? Die Sprache ist einfach, es erwartet einem keine gehobene Kost, einzig die Geschichte muss einen fesseln. Es ist wie eine Fliege zu beobachten, die versucht, sich aus einem Spinnennetz zu befreien. Langsam entspinnt sich alles, manchmal gibt es allerdings Rückschläge. Dazu ist es die Geschichte einer Frau, die in einer patriarchalen islamischen Gesellschaft gefangen und unterdrückt wird. Beeindruckend mit welcher Energie Betty sich und ihre Tochter befreit hat..

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Twittertrends

Sind Twittertrends nicht großartig? Eigentlich immer, aber selten will ich mich dazu äußern. Falsch, eigentlich, immer, aber das Alter hat mich gelehrt, öfter einfach mal die Klappe zu halten. Das Twittergame ist so aufgebaut wie die Talkshows der 90er: Trashige Titel/Hashtags und unterirdische Meinungen, die polarisieren/trollen sollen. Hat damals schon funktioniert.

Ich bin auf Twitter und es gibt natürlich auch guten Content. Das ist immer noch eine der Stärken des Netzwerkes: Vielseitigkeit. Trotzdem verfolge ich ebenso gerne Shitstorms, ausgelöst durch Nichtigkeiten. Aktuell brennt das Vogelhaus, weil Elon Musk Twitter kaufen will. Angeblich will er es privatisieren (!) also von der Börse nehmen. Einige Netzpolitiker machen mir überhaupt richtig viel Spaß, wenn sie nämlich Musk die charakterlichen Eigenschaften absprechen, ein derart wichtiges Netzwerk zu betreiben.
Der wesentlich größere und relevantere Meta-Konzern sei ja wenigstens an der Börse und somit einem Check & Balance unterworfen… Ich spare es mir, auf diesen Unsinn weiter einzugehen.

Twitter ist und wird nach der Übernahme ein Privatunternehmen sein, sofern Twitter ein öffentliches Netzwerk ist, wird es sich an die bisher geltenden Gesetze halten müssen. Intern gelten die AGBs und Verhaltensregeln, die das Unternehmen bisher schon eigenverantwortlich auslegen kann. So wurden Leute aus allen politischen Lagern kurz oder lang gesperrt. Was also sollte sich ändern?

Interessant ist dann der Trend Mastodon. Ich mag die Technik von Mastodon wirklich. Das Ganze ist super, aber schon mal daran gedacht, dass eigentlich alle Instanzen privat betrieben und von Amateurmoderatoren administriert werden? Das klappt in den meisten Fällen auch und man kann zur Not als Nutzer mit seinem Account umziehen.
Trotzdem bleibt ein schales Gefühl, wenn ich an den Fall von mastodonten.de denke. Der Instanzbetreiber hat vielleicht bei einer Moderation falsch reagiert und wurde digital an den Pranger gestellt. Die Instanz wurde kurze Zeit später eingestellt. Das Fediverse ist ein Spielplatz, auf dem nicht jeder spielen darf. Es gibt Schmuddelkinder und die Großen zeigen mit den Finger auf sie.

Dazu muss man aber auch sagen, selbst wenn Twitter nachgelassen hat, gibt es mehr interessante Accounts bei Twitter als alle Nutzerkonten auf Mastodon und Co zusammen. Ich finde, jeder sollte Mastodon ausprobieren und dem Fediverse eine Chance geben, ich gab ihm bereits so viele und wurde nie warm damit. Soll ja aber nichts heißen.
Tatsächlich bin ich auf tumblr recht zufrieden und sollte ich Twitter verlassen, hab ich hier alles, was ich brauche.

Herbstmilch – Anna Wimschneider

Anna Wimschneider - Herbstmilch

Im Moment faszinieren mich Erinnerungen und Biografien. Nach Wibke Bruhns Meines Vaters Land habe ich mir ein weiteres Buch aus meiner Liste der vergessenen Bücher geschnappt. Wer den Titel Herbstmilch hört, denkt vermutlich an den Film. Das geht mir ähnlich. 1988 war das der Blockbuster in der Bundesrepublik. Mit ihm sollte das neue Zeitalter des Heimatfilms eingeleitet werden. Ich musste ihn sehen, weil meine ältere Schwester und meine Mutter ihn sehen wollten. Als kleiner Stöpsel fand ich den Film auch eher mäßig. Erst in späteren Jahren hörte ich immer mal wieder von dem Buch und seinen Wert… Also genau das, was einem von jemanden erzählt wird, der eigentlich nie liest, aber jenes Mal ausgelesen hat. Vielleicht merkt man es, meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

Dabei will ich nicht ungerecht sein. Wimschneider hatte das Manuskript innerhalb weniger Wochen in zwei Schulheften als Erinnerung für ihre Kinder niedergeschrieben. Ein Buch sollte daraus nicht werden. Die Idee seine Lebensgeschichte für die Familie aufzuschreiben, ist an sich sehr charmant.
Durch Zufall gelangten die Hefte an den Piper Verlag und bevor es dann schließlich veröffentlicht wurde, wurde das Manuskript stark überarbeitet. Wieviel steckt noch von Anna Wimschneider in dem Buch?

Die Geschichte ist ein Zeitdokument, zweifelsohne, und als solches steht es außerhalb meiner Bewertungskriterien. Wenn ich mangelnde Reflexion anführte, würde mehr vielleicht gerade diesen Aspekt des Dokuments nehmen und somit keine zulässige Kritik sein.
Was bleibt, ist der Stil. Hauptsatz an Hauptsatz. Ich bin ein großer Fan dieses Stils, aber ein längerer Satz hin und wieder, wäre schön. Auch das kann eigentlich kein Kritikpunkt sein. Wäre die Sprache raffinierter, fehlte die Authentizität. Es ist ein Kreuz.
Und die Geschichte ist eben die Geschichte einer einfachen Bäuerin der 20er und 30er Jahre. Mitunter sehr traurig. Dieses Buch ist schwierig, es ist in erster Linie das Geschenk einer Mutter an ihre Kinder. Wir Leser sind nur Zaungäste, die einen Einblick nehmen dürfen, der, zugegeben, länger in mir bleibt als erwartet.

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Meines Vaters Land – Wibke Bruhns

Wibke Bruhns - Meines Vaters Land

Meines Vaters Land . Wibke BruhnsMeines Vaters Land ist bereits 2004 erschienen und erst im letzten Jahr kam das Hörbuch heraus. Ein Glück für mich, denn obwohl ich das Buch damals lesen wollte, ist der Titel in meiner want-to-read-Liste untergegangen.
Damals war Bruhns Familiengeschichte ein Bestseller, wie ich nach dem Hören weiß, mit Recht.

Wibke Bruhns, geborene Klamroth, war die Tochter von Hans Georg Klamroth, einen Mitwisser des Attentats vom 20. Juli. Das Ende ist bekannt: Die Verschwörer wurden nach einen demütigendem Prozess gehängt. Bruhns war da nicht einmal sechs Jahre alt.

In Meines Vaters Land zeichnet Bruhns die Geschichte der deutschen Familie derer von Klamroth nach. Deutsch, das ist wichtig, denke ich. Im faschistischen Italien oder Spanien gab es wohl andere Geschichten. Diese zumindest beginnt weit vor den Weltkriegen, in einer Zeit, in der das Reich prosperiert, Uniformen und Standesdunkel vorherrschen. In dieser Zeit sind die Klamroths erfolgreiche Kaufläute in Halberstadt. Und trotzdem reicht es nicht für die höchsten Kreise. Die bleiben dem Adel oder Offizieren vorbehalten. Sie werden Offiziere. Kurt, Hans Georgs Vater und er selbst. Zudem sind beide jeweils zu ihren Zeiten Stadträte, engagieren sich und nehmen die unternehmerische Verantwortung für ihre Angestellten ernst. Es ist für mich schon verblüffend, wie die Gesellschaft sich nach militärischen Regeln zu ordnen weiß. Sozialer Status ist stärker vom Dienstrank als vom Besitz abhängig und es gehört sich einfach für seine Bediensteten da zu sein. So etwas lese ich immer wieder, nicht nur in Bruhns Buch. Anfangs fragte ich mich: Wie konnte ein so entwickeltes und zivilisiertes Land Zentrum des Holocausts werden? Mittlerweile denke ich, genau diese gesellschaftliche Struktur war dafür verantwortlich. Das Streben nach sozialer Anerkennung und Versprechen diese zu erfüllen, hatten zumindest Anteil daran.

Wibke Bruhns
Wibke Bruhns im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse
Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann unter CC BY 2.0

Kurt, HGs Vater (Bruhns nennt ihren Vater HG), und er selber nehmen dann auch am 1. Weltkrieg teil, glühende Kaisertreue, übertriebenes Sendungsbewusstsein und deutsche Arroganz inbegriffen. Doch als der Krieg ins Stocken gerät macht Kurt eine Wandlung durch und stellt die Kompetenz der Führung infrage. HG macht diese Erfahrung erst im nächsten Krieg.

Das Buch ist eine Reise in die Vergangenheit. Durch die persönlichen Schilderungen aus Tagebucheinträgen und Briefen, fühlte ich als Leser mit. Immer hoffend, dass es doch ein ganz anderes Ende geben könnte. Kann es natürlich nicht. Trotzdem ein wunderbares Buch über den Zeitgeist der damaligen Epoche.

Bruhns arbeitete beim ZDF und war die erste weibliche Moderatorin einer Nachrichtensendung. Für den Stern war sie lange Jahre in Israel und den USA als Korrespondentin tätig. Am 20. Juni 2019 starb sie in Berlin.

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Chaos

Ich will ehrlich sein: Es läuft nicht mehr rund. Schon länger nicht mehr. In der Weihnachtspause wollte ich meinen Blog überarbeiten. Neues Theme, neue Bilder, neue Verschlagwortung und neue Plugins. Das eine führte zum anderen und alles ging den Bach runter. Für mich scheint es einfacher zu sein, einen neuen Blog aufzusetzen und manuell jeden Artikel neu einzupflegen. Ich hätte sowieso jeden Post noch einmal anfassen müssen. Lange Rede, kurzer Sinn: Here we are!

Hier werde ich neue Artikel und alte Beiträge veröffentlichen… endlich wieder bloggen. Wie ich aber in dem Post zum Leseverhalten geschrieben habe, hatte ich wenig Muße für Bücher und somit auch für den Blog, was dazu beigetragen hat, dass sich diese Entscheidung und die Umsetzung zog.

Ein leidiges Thema sind immer noch Netzwerke. Auf tumblr habe ich ein gutes Gefühl. Instagram finde ich auch nicht so schlecht aber Twitter? Dort bin ich nur aus Nostalgie. War früher schön da und es gibt immer noch tolle Leute auf Twitter, aber auch viel Schmutz. Ich werde keine Alternativen mehr suchen und mich schleichend von der Birdsite entwöhnen. Mal sehen.

Was sich allerdings erheblich in den letzten Wochen geändert hat, ist mein Leseverhalten. Ich habe nachdem ich keinen Spaß mehr an reiner Phantastik hatte, angefangen Bücher zu lesen, die in Richtung Biografie gehen. Wibke Bruhns Meines Vaters Land fand ich sehr gut. Ich habe auch mehr gelesen bzw. gehört. Goodreads übernimmt die Statistik für mich aber es waren wohl an die vier Bücher in den letzten vier Wochen.
Dies sollte auch nur eine kurze Mitteilung über den aktuellen Status sein. Die Veröffentlichungsdaten des alten Blogs behalte ich bei, also wächst der Blog in die Vergangenheit wie auch in die Zukunft!